KlimaSocialPlus vom 14. Mai 2018

(Talanoa Dialog in Bonn: Geschichten für das Klima; Was ist mit den Amerikanern los?)

Hintergrundbild: Fijian Gov’t

Moin aus Hamburg, liebe Leser,

die Klimakonferenz in Bonn ist vorbei, und die meisten Berichte darüber drehen sich um die Ergebnisse der Verhandlungen oder den Mangel daran: Um das Regelbuch in eine beschlussfähige Form zu bringen, wie Einsparungen von Treibhausgasen gezählt werden, müssen die Klimadiplomaten im Herbst in Bangkok nachsitzen. Auch bei der Finanzierung von Klimaaktionen in armen Ländern geht wenig voran. Doch im Schatten dieses Gezerres hat sich in Bonn etwas Bemerkenswertes getan – die ersten Runden des sogenannten Talanoa-Dialogs fanden am ansonsten verhandlungsfreien Sonntag in der Mitte der Konferenz statt. In diesen nach einer polynesischen Tradition ausgelegten Gesprächen sollten die Teilnehmern über ihre Probleme, Wünsche und Lösungsansätze sprechen, und zwar eher in Form von Geschichten als von Statements. „Das hat es den Leuten erlaubt, sich als Menschen mit Herz zu begegnen und nicht als Regierungen mit einer Agenda“, sagte danach Teresa Anderson von der Hilfsorganisation ActionAid International.

Diese Idee des Geschichtenerzählens beim Talanoa hatte mich fasziniert, seit ich davon gehört habe. Auf mehreren Telekonferenzen mit der inzwischen abgelösten Chef-Unterhändlerin Fidschis, Nazhat Shameen Khan, hatte sie explizit dazu aufgefordert, das mit den Geschichten nicht als Phrase aufzufassen, sondern ernst zu nehmen. Wie wenig das im Vorfeld zu klappen schien, beschreibe ich in meinem Artikel, der morgen erscheint. Da hatte die Fidschi-Präsidentschaft nämlich schriftliche Äußerungen angefordert:

»Kaum jemand unter den Autoren, ob nun Staaten oder Organisationen, Universitäten oder Umweltgruppen, wich nennenswert von der Form und dem Sprachduktus ab, die im soliden Polit-PR-Englisch für solche Statements üblich sind. Und wenn jemand abwich, dann nach unten: Die Cornell University schickte kommentarlos einen Forschungsaufsatz über Geoengineering und Mikroalgen, die Europäischen Wissenschaftsakademien steuerten eine Analyse zu Extremwetterereignissen bei. Veganer, die Verfechter der CCS-Technik (Verpressen von COaus Kraftwerken unter die Erde) und die deutschen Entwicklungshelfer von der GIZ warben für sich, ihre Dienste und Weltsicht. Die Australier, den Polynesiern wenigstens geografisch verbunden, lieferten ein Hintergrund-Papier über die internationale und eigene Klimapolitik ab. Aber warum sollten sie alle es auch besser machen als die Gastgeber und Initiatoren des Talanoa-Dialogs? Fidschi selbst hatte ein 15-seitiges Traktat hochgeladen, das Literaturhinweise, Grafiken und Datentabellen enthielt. Eine davon nahm die untere Hälfte der ersten Textseite ein.«

Es gab dann, als der Dialog wirklich mündlich geführt wurde, aber doch etliche interessante und bewegende Geschichten oder mindestens Anekdoten. Eine, die ich in meinem Artikel nicht verwendet habe, stammte von Luja von Köckritz von der Organisation Youngo. Sie war bei einem Besuch auf Fidschi in der Vorbereitung der Konferenz in einer Gastfamilie untergebracht. Und irgendwann fragte die Mutter dort, ob die Deutsche ihrer achtjährigen Tochter bei den Hausaufgaben helfen könnte. Von Köckritz sagte zögerlich ja, was verstand sie schon von der Schule auf Fidschi? Dann stellte sie fest, dass es dort in der dritten Klasse Hausaufgaben zum Thema Klimawandel gab. Sie drehten sich um die zu erwartenden Folgen für das Inselreich. „Diese Schulbildung wird die Kinder ihr Leben lang begleiten, in alle zukünftigen Berufe“, staunte von Köckritz. Was für ein Unterschied zu Deutschland. Und tatsächlich ist es ja sogar so, dass der Klimawandel die Kinder dort wie hier ihr Leben lang begleiten wird.

Andere Teilnehmer des Talanoa-Dialogs nutzen das Format für leidenschaftliche Appelle, die sonst den Rahmen der Konferenz sprengen würden. Zum Beispiel die schon erwähnte Teresa Anderson. Es ist ohnehin schon schwierig für die ärmsten Länder und ihre Bewohner, sich an die Klimakrise anzupassen und zum Beispiel weiterhin genügend Nahrung zu produzieren, sagte sie. „Da ist es doch Wahnsinn anzunehmen, wir könnten irgendwoher 100 Millionen Hektar Land nehmen, um Bioenergie zu produzieren. Es macht uns wirklich Angst, dass am Ende die ärmsten Gemeinschaften ihr Land verlieren und auch noch höheren Preisen für Lebensmittel ausgesetzt sind.“ Die Produktion von Bioenergie aber steht bei vielen Ländern in den Plänen für die Zukunft. „Und damit sollen sie dann für ernsthafte Reduktionen der Treibhausgase in der Gegenwart vom Haken sein?“, fragte die Aktivistin. Die ganze Geschichte lesen Sie hier.

 

Das zweite Thema für diesen Newsletter: Die Fachzeitschrift Nature Climate Changehat gerade eine Themenausgabe über Hitzewellen und Trockenperioden herausgegeben. Darin stehen neben den üblichen naturwissenschaftlichen Forschungsaufsätzen auch etliche, die die sozialen Vorgänge rund um die Klimakrise behandeln. In einem untersuchen Matthew Hornsey und Kollegen von der Universität im australischen Brisbane, ob der Individualismus, die politische Ideologie oder der Glaube an Verschwörungstheorien (auch diejenigen um den Tod von John F. Kennedy, Lady Diana und die Attentate vom 11. September 2001) einen Einfluss auf die Reaktion auf die Klimakrise haben.

Das Ergebnis ist ein klares Jein. Für 24 Staaten von allen Kontinenten (von Argentinien bis Australien, aber ohne die USA) gab es einen kleinen Effekt für die Frage nach der Rolle von Individualismus und politischer Ideologie, und keinen Effekt beim Hang ihrer Bürger zu Verschwörungstheorien. Für die USA allein hingegen galt: all of the above. Der Effekt war gerade bei „conspiratist views“ sehr ausgeprägt. Für Deutschland übrigens war das Resultat in keiner der Fragen signifikant.

Die Situation in den USA ist daher im internationalen Vergleich besonders verfahren. Dort beantworten viele Menschen die Fragen nach der Klimakrise (aber auch nach Waffenkontrolle, Evolution oder Impfungen) entlang der Linie, die ihnen Vordenker ihrer bevorzugten politischen Richtung vorgeben. Und besonders die Republikaner und Konservativen dort haben genau diese Felder einer wissenschafts-basierten Politik zum Lackmustest ihrer Ideologie gemacht. Diese Erkenntnis liegt der Denkschule der „Cultural Cogniton“  zugrunde, lose übersetzt: der durch Kultur gefilterten Wahrnehmung. Einer ihrer stärksten Verfechter ist Dan Kahan von der Yale University.

Doch in den USA gibt es auch viele Menschen, die die Klimakrise nicht als Hoax abtun wie ihre Regierung. Tatsächlich stellen sie – außer bei den konservativen Republikanern – in jeder politischen Schicht die Mehrheit. Manche US-Wissenschaftler sind darum der Meinung, sie müssten ihren Landsleuten nur erklären, dass sich die Klimaforschung durchaus einig weiß, dass der Klimawandel menschengemacht und gefährlich ist, dann würde sich auch in der Politik etwas ändern. „Consensus Messaging“ heißt diese Idee, die Kommunikation des wissenschaftlichen Konsens. Auch dazu findet sich in dem Nature Climate Change-Sonderheft eine Studie. Die Autoren um Baobao Zhang und Anthony Leiserowitz ebenfalls von der Yale University haben 6300 Amerikaner befragt und gemessen, ob sich deren Glauben an den wissenschaftlichen Klimakonsens durch zielgerichtete Information verbessern lasse.

Die Ergebnisse waren spannend: Gerade in den Staaten, wo die Klimawandelleugner bisher den größten Rückhalt hatten, gab es den größten Effekt. In West Virgina, North Dakota und Wyoming ging die Zustimmungsrate von weniger als 65 auf mehr als 85 Prozent nach oben. In Kalifornien und Washington DC lag der Sprung hingegen nur knapp über zehn Prozentpunkten. Ingesamt führte die Intervention also zu einer Angleichung der Staaten.

Man sollte die Hoffnung auf die Amerikaner daher nicht aufgeben, auch wenn Präsident Trump und der Chef der Umweltbehörde Scott Pruitt gerade alles tun, was sie können, um die Umwelt- und Klimagesetze ihres Landes zu schleifen und industriefreundlich zu gestalten. Selbst die Autokonzerne erschrecken dabei zurzeit, wie radikal die Regierung zum Beispiel die Standards zum Kraftstoffverbrauch senken will.

Bis nächste Woche, Grüße aus Hamburg, Ihr Christopher Schrader

 

KlimaSocialPlus vom 7. Mai 2018

(Was die Vereinten Nationen mit VR-Brillen wollen; Bürger und Bundesstaaten klagen gegen ihre Regierungen für Klimaschutz)

 

Hintergrundbild: Photothek/Ina Fassbender (CC BY-ND 2.0)

 

Moin aus Hamburg, liebe Leser ,

ein ganzer Raum voller Menschen, die eine Datenbrille tragen, die ihre Köpfe hierhin und dorthin wenden, plötzlich nach unten schauen, auf deren Gesichtern sich Erstaunen oder Mitgefühl abspielen – diese Szene würde man eher auf einer Messe für Computerspiele vermuten. Doch sie spielte sich auf einer Konferenz der Vereinten Nationen in Bonn ab, als die Weltorganisation für ihre 17 Nachhaltigkeitsziele warb.

Meine Kollegin Christiane Schulzki-Haddouti, die in Bonn lebt, hatte die Gelegenheit, die Konferenz zu besuchen. Das Projekt mit den sogenannten VR-Brillen, in denen die Betrachter eine virtuelle Realität erkunden, hat sie besonders beeindruckt. Es bricht schließlich die sonst bisweilen sehr gesetzte und formelle Atmosphäre (Schlips, Kragen und Perlenketten) solcher Treffen auf das Erfreulichste. Dies kann sie dazu erzählen:

»Ob es etwas gebe, dass die Verwendung neuer kooperativer Technologien mit Nachhaltigkeitszielen (SDG) wie dem Klimaschutz zusammen bringt, hatte ich die Pressestelle der Vereinten Nationen gefragt. Und so landete ich in einem VR-Workshop mit Dimitri Moore. Nach einer Weile forderte er seine Zuhörer auf, sich selbst in die Lage der Projektteilnehmer zu versetzen: Jeder sollte sich auf sein Lieblings-Nachhaltigkeitsziel konzentrieren, vor seinem inneren Auge Bilder aufrufen, sich dazu Emotionen, Orte, Farben und Gerüche vorstellen. Anschließend sollte jeder aus seinen Skizzen in drei Minuten eine kleine Virtual-Reality-Geschichte entwerfen und aufschreiben – und anschließend seinem Sitznachbarn erzählen. 

 Meine Sitznachbarin kam aus Nigeria, und ihre Gedanken kreisten um Frieden und Klimakrise. Beides sei ohne Korruptionsbekämpfung nicht anzugehen, meinte sie und erzählte von Müttern, die um die Ernährung ihrer Kinder kämpften, und von öffentlichen Mitteln, die in die falschen Projekte gesteckt würden.

 Auf einmal war Bewegung in eine Gruppe von Menschen geraten, die sich vorher kaum gekannt hatten. Genau das – und nicht die gewählte Technik – war der entscheidende Punkt, um eine Wirkung zu erzielen. Für mich wurde wieder einmal klar: Die Technik kann höchstens Mittel sein, das Herz einer Geschichte kommt aber doch immer aus dem Inneren des eigenen Erlebens

Diese kreative Technik ist für die Macher des VR-Projekts ein zentrales Werkzeug in der Planung einzelner Geschichten. Das Ziel, das schildert Christiane deutlich, ist es dabei, die Reaktion auf die Klimakrise aus der rein intellektuellen Beschäftigung mit dem Thema heraus zu heben – Emotionen und Mit-Gefühl sollen eine stärkere Motivation auslösen, sein eigenes Leben der neuen Realität anzupassen und bei anderen für einen solchen Lebens-Wandel zu werben. Ein Beispiel ist auch ein VR-Film, den Fidschi als Konferenz-Präsidentschaft produziert hat. Sie können den Bericht unter https://www.riffreporter.de/klimasocial lesen.

Der Hauptzweck der aktuellen Konferenz in Bonn ist es allerdings im Wesentlichen, ein sogenanntes Rulebook zu erstellen und dessen Verabschiedung auf dem Klimagipfel im Herbst in Kattowitz/Polen vorzubreiten. Die Regeln darin sollen den Staaten helfen, sich selbst und gegenseitig Rechenschaft darüber zu geben, wie weit sie mit den gesetzten Zielen zur Reduktion ihrer Treibhausgas-Emissionen vorankommen. Was auch immer dort formuliert wird, in jedem Fall werden die Vorschriften aber Instrumente des internationalen Rechts bleiben, die einstweilen keine Instanz gegen den Willen der einzelnen Staaten durchsetzen kann.

Weil dies vielen Menschen auf der ganzen Welt nicht mehr reicht, versuchen sie, mehr Klimaschutz mithilfe der ordentlichen Gerichte ihrer Länder zu erzwingen. Sie strengen darum Verfahren unter dem Zivil- oder Verwaltungsrecht an. In Deutschland liegt zum Beispiel am Oberlandesgericht Hamm die Klage des peruanischen Bauern Saúl Luciano Lliuya vor, der den Energiekonzern RWE deutsche Firma für die Gefahr durch einen angeschwollenen Schmelzwassersee oberhalb seiner Heimatstadt verantwortlich macht. Das Gericht hatte im November 2017 beschlossen, im Prinzip eine Beweisaufnahme zu beginnen. Mit einer Gegen-Einlassung konnte RWE diese Entscheidung nicht mehr revidieren lassen. Das Verfahren hängt aber nun, weil sich beide Parteien bisher nicht auf Gutachter einigen konnten.

Ein aktueller Bericht des Grantham Institute an der London School of Economics spricht nun von bereits mehr als 1000 solchen Verfahren in allen Teilen der Welt: in Pakistan, den Philippinen, Kolumbien, Norwegen, den Niederlanden und vor allem in den USA. Dort sind allein mehr als 800 solche Verfahren anhängig. Ein wichtiges Urteil hatte schon 2007 das oberste Gericht, das Supreme Court, gesprochen: In Massachusetts vs. Environmental Protection Agency erstritten ein Dutzend Staaten und etliche Städte, dass die Umweltbehörde Kohlendioxid als Luftschadstoff behandeln muss.

Genau das kommt der jetzigen Regierung und dem EPA-Chef Scott Pruitt natürlich ziemlich ungelegen; er versucht alles, um solche Regulierungen abzubauen und zum Beispiel die strengen Regeln für den Benzinverbrauch von Autos in Kalifornien auszuhebeln. Auch dagegen gehen wieder etliche Kläger vor, und Gerichte geben ihnen Recht. Daneben finden weiterhin die Prozesse statt, die Industriefirmen und konservative Thinktanks gegen die Umweltgesetze anstrengen. Pruitt selbst hatte vor seiner Amtsübernahme etliche solche Verfahren geführt.

In Bonn am Rande der Klimakonferenz haben nun am Montag (7. Mai. 2018) einige Kläger aus Europa die Verfahren erläutert, die sie angestrengt haben.

• In Irland klagt die Organisation Friends of the Irish Enviroment (FIE) gegen die Regierung, weil diese nach Ansicht der Umweltschützer nicht genug zur Reduktion der Emissionen tue. „Der nationale Klimaplan ist eigentlich ein Plan zur Erhöhung der Emissionen“, sagte Sadhbh O’Neill von FIE am Montag in Bonn. Das bedeute für Irland, dass es viele Millionen Strafen an die EU bezahlen müsse. Zudem verstoße die Regierung gegen das Klimagesetz und die irische Verfassung. In Dublin hatte schließlich das „High Court“ im November 2017 beschlossen, eine „Umwelt, die menschliche Würde und Wohlergehen gewährleistet“ sei die Basis aller Menschenrechte.

• In der Schweiz ziehen einige Hundert „Klimaseniorinnen“ vor Gericht, weil die von der Regierung festgelegten Reduktionsziele schon für 2020 nach wissenschaftlicher Erkenntnis nicht ausreichen, die Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Gerade ältere Frauen seien durch die zu erwartenden zusätzlichen oder längeren Hitzewellen in ihrer Gesundheit und ihrem Leben bedroht, argumentieren sie.

• In Norwegen haben die Organisationen Nature and Youth und Greenpeace die Regierung verklagt, weil sie neue Gebiete in der Arktis für die Suche nach Erdgas und Erdöl freigeben will. In der ersten Instanz haben die Umweltschützer allerdings verloren, das Gericht hatte argumentiert, es liege nicht in Norwegens Verantwortung, wenn die geförderten Rohstoffe woanders verbrannt würden und Treibhausgase erzeugten. Die Kläger ziehen darum nun vor das Verfassungsgericht.

• In Belgien verlangt die Gruppe Klimaatzaak/Affaire-Climat (wie sie sich auf Flämisch und Französisch nennt) von der Regierung ebenfalls einen ehrgeizigeren Kurs in der Klimapolitik. Das Verfahren steckt zurzeit in formalen Vorentscheidungen und Einsprüchen fest, bevor überhaupt in der Sache verhandelt wird. Mehr als 35 000 Bürger haben sich dort der Klage angeschlossen. „Das zeigt den Richtern, dass wir nicht nur eine kleine Gruppe aufgebrachter Hippies sind“, sagte Serge de Gheldere von Klimaatzaak in Bonn.

Insgesamt hebt auch dies, wie die VR-Geschichte im KlimaSocial-Artikel dieser Woche, die Diskussion auf eine andere Ebene. „Solche Verfahren geben uns Hoffnung“, sagt Dennis van Berkel von der Urgenda-Stiftung in den Niederlanden, die bereits ein Urteil gegen die Regierung in Den Haag erstritten hat, das diese allerdings angefochten hat. „Regierungen haben nicht nur eine moralische Pflicht, sondern eine rechtliche Verpflichtung, die von den Bürgern durchgesetzt werden kann.“

Bis nächste Woche, Grüße aus Hamburg, Christopher Schrader

PS: Wenn Sie es noch nicht gesehen haben, zwei der Direktoren am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam haben uns auf Twitter jeweils einen Willkommensgruß geschickt, der uns ein großer Ansporn ist.

 

 

KlimaSocialPlus vom 29. April 2018

(Warum Wetterberichte eine soziale Sache sind; Gedanken über Fahrräder, Autos und Kultur)

 

 

 

 

Hintergrundbild: Ignitia

Moin aus Hamburg, liebe Leser,

unsere Koralle nimmt morgen früh, also am Montag, ihren regelmäßigen Dienst auf. Davon kann man ja frühestens beim zweiten Beitrag sprechen, der in einem erkennbaren Turnus auf den ersten folgt. Dieser Turnus soll bei uns eine Woche sein – in Zukunft möchten wir jeden Dienstag einen Artikel veröffentlichen, der auf die eine oder andere Weise die sozialen Prozesse rund um Klimawandel, Klimaforschung und Klimapolitik zum Thema hat. (Dass übrigens die ersten beiden Artikel an einem Montag herauskommen oder -kamen, hat im Wesentlichen damit zu tun, dass Dienstag, der 1. Mai ein Feiertag ist. Von solchen „Störungen“ sind wir nun bis zum ersten Weihnachtstag frei.)

Das Schöne an unserem Über-Thema ist die Vielfalt der Blickwinkel und Zugänge. Wie schon die britischen Komiker von Monty Python sagten: „And now for something completely different.“ Nach dem Bericht über die seelische Gesundheit behandelt der Beitrag morgen die schwierige Wettervorhersage im tropischen Westafrika. Dort versucht eine schwedische Firma, den Bauern per SMS genauere Informationen zu liefern, wann es regnet. Mein Kollege Alexander Mäder, der den Artikel unter dem Titel „Das Gewitter kann kommen“ recherchiert und geschrieben hat, erzählt dies über die Genese:

»Das Beeindruckendste auf dem Klimagipfel in Bonn vor einem halben Jahr war das Engagement der Zivilgesellschaft. Für die vielen Organisationen und Firmen gab es getrennt von den politischen Delegierten eine eigene Zeltstadt als Konferenzort. Dort brummte das Leben: überall Infostände und Diskussionsrunden.

Bei einer solchen Runde am Pavillon der nordischen Staaten habe ich das schwedische Unternehmen Ignitia kennengelernt. Sie wollen das Leben afrikanischer Bauern verbessern, indem sie ihnen für wenige Cent zuverlässige Wettervorhersagen aufs Handy schicken. Dadurch sollen die Farmer mehr aus ihren Äckern herausholen können.

Als ich mich nach Belegen für die Zuverlässigkeit der Prognosen erkundigte, vertröstete mich der Pressesprecher auf eine unabhängige Studie, die für 2018 erwartet werde. Das war sehr optimistisch gedacht: Es wird wohl eher 2019, gründliche Forschung braucht Zeit. Doch Ignitia ist schon auf dem Markt und will expandieren – Grund genug für mich, diese Geschichte schon heute zu erzählen.«

Alexander hätte den Artikel auch technisch und wissenschaftlich anlegen können – was genau ist das meteorologische Problem in Westafrika und wie kann man es lösen? Aber er hat sich dafür entschieden, die Menschen in den Mittelpunkt zu rücken. Die Bauern, die für den Dienst bezahlen, weil er ihnen nützt und das Risiko reduziert, und die Leute von der Firma Ignitia, die mit ihren Kenntnissen die Welt ein bisschen besser machen wollen.

Mit dem Klimawandel hat das Ganze natürlich auch zu tun: Soweit die regionalen Berechnungen für Westafrika bisher reichen, werden dort Wetterextreme eher zunehmen. Dann sind die Bauern umso mehr auf genaue Prognosen angewiesen. Das wiederum nutzt dem Klima: Wenn sie nicht aus purer Not immer neue Flächen roden und bebauen müssen, kann die intakte Natur mehr vom Treibhausgas Kohlendioxid binden. Der Text verdeutlicht außerdem: Die Probleme von Klimawandel und Armut lassen sich nur zusammen lösen oder gar nicht.

Eine letzte Bemerkung: Alexanders Artikel ist ein Beispiel dafür, dass wir auch auf der Suche nach „guten Nachrichten“ sind, also über Lösungen genauso berichten wie über Probleme.

 

Mich bewegt in diesen Tagen das Wort „Kulturkampf“ im Zusammenhang mit den vielen Autos. Vor ein paar Tagen kam mir hier in Hamburg-Ottensen, wo ich wohne, eine kleine Schar von Demonstranten entgegen, die die Autoflut in diesem Viertel zurückdrängen wollte. Vorn und hinten Polizei, ein Einsatzfahrzeug mit Blaulicht stand quer in der Kreuzung vor der Straße, wo die vielleicht 80 Demonstranten – Erwachsene und Kinder mit Fahrrädern, Bollerwagen, Transparenten und einem Megafon – gerade entlang gingen.

Der Fahrer eines VW-Bus aber schien diesen unerträglichen Eingriff in seine automobile Freiheit nicht hinnehmen zu wollen – er fuhr über den Bürgersteig hinten an dem Polizeifahrzeug vorbei in die gesperrte Straße ein, wo vielleicht 20 Meter weiter die Demonstranten waren. Oder jedenfalls versuchte er es, bis ein Polizist ihn mit einem lauten Hieb mit der flachen Hand aufs heilige Blech stoppte.

Und dann erinnerte ich mich an einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung.Meine Kollegen Michael Bauchmüller und Jens Schneider schrieben dort über das Fahrrad-Fahren in Berlin (Druck-Ausgabe vom Samstag, dem 21. April; unter diesem Link für Abonnenten oder gegen Bezahlung). Beide kommen morgens über große Strecken ins Büro an der Französischen Straße geradelt, sie wissen also, wovon sie reden. Sie zitierten die parteilose Verkehrssenatorin Regine Günther, die vom WWF kommt, mit der Zusicherung im Abgeordnetenhaus, sie wolle trotz allem Engagement für die Fahrradfahrer „keinen Kulturkampf gegen das Auto“ beginnen. Dazu fühlte sie sich wohl verpflichtet, in Deutschland wird ja schnell abgestempelt, wer etwas gegen den übermäßigen Fleischkonsum oder den maßlosen Autoverkehr sagt.

Ich finde aber, Autofahren an sich ist überhaupt keine Kultur. Wer es nötig hat, das Benutzen von vierrädrigen Blechkisten derart zu überhöhen, sollte mal Luft holen und seine eigenen Argumente überdenken. Autos sind in vielen Situationen praktisch, in manchen vielleicht auch (noch) unverzichtbar. Aber sicherlich nicht mitten in Metropolen wie Berlin und Hamburg. Dort sind sie eine Qual für alle Beteiligten, die Autofahrer meist eingeschlossen. Hier in Ottensen, wo es viele Einbahnstraßen gibt, werden oft zwei Drittel des Straßenraums für abgestellte Autos reserviert und von ihnen voll genutzt, und dann kommt der endlose Parksuchverkehr noch dazu: Die schleichenden Karossen behindern so die Fahrradfahrer. Außerdem sind in Berlin und anderswo viele Straßen für Radfahrer wirklich gefährlich. Aber wer sich gegen solche Auswüchse wehrt, muss sich mit der Vokabel „Kulturkampf“ herumschlagen? So als plane er den Untergang des Abendlandes? Also bitte!

Ich habe aber inzwischen genug über die sozialen Prozesse rund um den Klimawandel gelernt, um zu wissen, dass es mit einem solchen Statement nicht getan ist. Reißt Euch mal zusammen, denkt mal nach, wer will sich das schon sagen lassen? Darum versuchen wir es doch so: Wenn für die Autofahrer in der Innenstadt das eigene Gefährt zum Teil der Identität und damit der persönlichen Kultur geworden ist, muss man etwas Konstruktives dagegen setzen. Man muss und kann ihnen zeigen, dass mit dem Fahrrad Vorteile und Spaß verbunden sind, dass man auf sich selbst stolz sein und im Freundes- oder Kollegenkreis gut dastehen kann, dass die Stadt ihnen nichts wegnimmt, sondern etwas gibt, wenn der Verkehrsraum zugunsten der Zweiräder neu verteilt wird. Nach dem Motto: Tiefer hängen und einfach machen.

 

Meine Kollegen und ich möchten mit diesen Newslettern übrigens gern eine Diskussion beginnen, wir betrachten den Kontakt mit Ihnen als Lesern als Zweibahn-Straße. Wenn Sie also Hinweise haben oder Fragen, Recherchetipps oder Interesse an irgendwelchen Themen, die in unser Spektrum fallen könnten, dann schreiben Sie uns bitte unter info@klimasocial.de (dort können Sie diesen Newsletter auch abonnieren, er kommt dann Montags am nachmittag). Lob und Kritik nehmen wir auch gern. Ersteres hören wir natürlich lieber, aber von zweiterem lernen wir vielleicht mehr.

Bis nächste Woche, Grüße aus Hamburg, Christopher Schrader