KlimaSocialPlus vom 14. Mai 2018

(Talanoa Dialog in Bonn: Geschichten für das Klima; Was ist mit den Amerikanern los?)

Hintergrundbild: Fijian Gov’t

Moin aus Hamburg, liebe Leser,

die Klimakonferenz in Bonn ist vorbei, und die meisten Berichte darüber drehen sich um die Ergebnisse der Verhandlungen oder den Mangel daran: Um das Regelbuch in eine beschlussfähige Form zu bringen, wie Einsparungen von Treibhausgasen gezählt werden, müssen die Klimadiplomaten im Herbst in Bangkok nachsitzen. Auch bei der Finanzierung von Klimaaktionen in armen Ländern geht wenig voran. Doch im Schatten dieses Gezerres hat sich in Bonn etwas Bemerkenswertes getan – die ersten Runden des sogenannten Talanoa-Dialogs fanden am ansonsten verhandlungsfreien Sonntag in der Mitte der Konferenz statt. In diesen nach einer polynesischen Tradition ausgelegten Gesprächen sollten die Teilnehmern über ihre Probleme, Wünsche und Lösungsansätze sprechen, und zwar eher in Form von Geschichten als von Statements. „Das hat es den Leuten erlaubt, sich als Menschen mit Herz zu begegnen und nicht als Regierungen mit einer Agenda“, sagte danach Teresa Anderson von der Hilfsorganisation ActionAid International.

Diese Idee des Geschichtenerzählens beim Talanoa hatte mich fasziniert, seit ich davon gehört habe. Auf mehreren Telekonferenzen mit der inzwischen abgelösten Chef-Unterhändlerin Fidschis, Nazhat Shameen Khan, hatte sie explizit dazu aufgefordert, das mit den Geschichten nicht als Phrase aufzufassen, sondern ernst zu nehmen. Wie wenig das im Vorfeld zu klappen schien, beschreibe ich in meinem Artikel, der morgen erscheint. Da hatte die Fidschi-Präsidentschaft nämlich schriftliche Äußerungen angefordert:

»Kaum jemand unter den Autoren, ob nun Staaten oder Organisationen, Universitäten oder Umweltgruppen, wich nennenswert von der Form und dem Sprachduktus ab, die im soliden Polit-PR-Englisch für solche Statements üblich sind. Und wenn jemand abwich, dann nach unten: Die Cornell University schickte kommentarlos einen Forschungsaufsatz über Geoengineering und Mikroalgen, die Europäischen Wissenschaftsakademien steuerten eine Analyse zu Extremwetterereignissen bei. Veganer, die Verfechter der CCS-Technik (Verpressen von COaus Kraftwerken unter die Erde) und die deutschen Entwicklungshelfer von der GIZ warben für sich, ihre Dienste und Weltsicht. Die Australier, den Polynesiern wenigstens geografisch verbunden, lieferten ein Hintergrund-Papier über die internationale und eigene Klimapolitik ab. Aber warum sollten sie alle es auch besser machen als die Gastgeber und Initiatoren des Talanoa-Dialogs? Fidschi selbst hatte ein 15-seitiges Traktat hochgeladen, das Literaturhinweise, Grafiken und Datentabellen enthielt. Eine davon nahm die untere Hälfte der ersten Textseite ein.«

Es gab dann, als der Dialog wirklich mündlich geführt wurde, aber doch etliche interessante und bewegende Geschichten oder mindestens Anekdoten. Eine, die ich in meinem Artikel nicht verwendet habe, stammte von Luja von Köckritz von der Organisation Youngo. Sie war bei einem Besuch auf Fidschi in der Vorbereitung der Konferenz in einer Gastfamilie untergebracht. Und irgendwann fragte die Mutter dort, ob die Deutsche ihrer achtjährigen Tochter bei den Hausaufgaben helfen könnte. Von Köckritz sagte zögerlich ja, was verstand sie schon von der Schule auf Fidschi? Dann stellte sie fest, dass es dort in der dritten Klasse Hausaufgaben zum Thema Klimawandel gab. Sie drehten sich um die zu erwartenden Folgen für das Inselreich. „Diese Schulbildung wird die Kinder ihr Leben lang begleiten, in alle zukünftigen Berufe“, staunte von Köckritz. Was für ein Unterschied zu Deutschland. Und tatsächlich ist es ja sogar so, dass der Klimawandel die Kinder dort wie hier ihr Leben lang begleiten wird.

Andere Teilnehmer des Talanoa-Dialogs nutzen das Format für leidenschaftliche Appelle, die sonst den Rahmen der Konferenz sprengen würden. Zum Beispiel die schon erwähnte Teresa Anderson. Es ist ohnehin schon schwierig für die ärmsten Länder und ihre Bewohner, sich an die Klimakrise anzupassen und zum Beispiel weiterhin genügend Nahrung zu produzieren, sagte sie. „Da ist es doch Wahnsinn anzunehmen, wir könnten irgendwoher 100 Millionen Hektar Land nehmen, um Bioenergie zu produzieren. Es macht uns wirklich Angst, dass am Ende die ärmsten Gemeinschaften ihr Land verlieren und auch noch höheren Preisen für Lebensmittel ausgesetzt sind.“ Die Produktion von Bioenergie aber steht bei vielen Ländern in den Plänen für die Zukunft. „Und damit sollen sie dann für ernsthafte Reduktionen der Treibhausgase in der Gegenwart vom Haken sein?“, fragte die Aktivistin. Die ganze Geschichte lesen Sie hier.

 

Das zweite Thema für diesen Newsletter: Die Fachzeitschrift Nature Climate Changehat gerade eine Themenausgabe über Hitzewellen und Trockenperioden herausgegeben. Darin stehen neben den üblichen naturwissenschaftlichen Forschungsaufsätzen auch etliche, die die sozialen Vorgänge rund um die Klimakrise behandeln. In einem untersuchen Matthew Hornsey und Kollegen von der Universität im australischen Brisbane, ob der Individualismus, die politische Ideologie oder der Glaube an Verschwörungstheorien (auch diejenigen um den Tod von John F. Kennedy, Lady Diana und die Attentate vom 11. September 2001) einen Einfluss auf die Reaktion auf die Klimakrise haben.

Das Ergebnis ist ein klares Jein. Für 24 Staaten von allen Kontinenten (von Argentinien bis Australien, aber ohne die USA) gab es einen kleinen Effekt für die Frage nach der Rolle von Individualismus und politischer Ideologie, und keinen Effekt beim Hang ihrer Bürger zu Verschwörungstheorien. Für die USA allein hingegen galt: all of the above. Der Effekt war gerade bei „conspiratist views“ sehr ausgeprägt. Für Deutschland übrigens war das Resultat in keiner der Fragen signifikant.

Die Situation in den USA ist daher im internationalen Vergleich besonders verfahren. Dort beantworten viele Menschen die Fragen nach der Klimakrise (aber auch nach Waffenkontrolle, Evolution oder Impfungen) entlang der Linie, die ihnen Vordenker ihrer bevorzugten politischen Richtung vorgeben. Und besonders die Republikaner und Konservativen dort haben genau diese Felder einer wissenschafts-basierten Politik zum Lackmustest ihrer Ideologie gemacht. Diese Erkenntnis liegt der Denkschule der „Cultural Cogniton“  zugrunde, lose übersetzt: der durch Kultur gefilterten Wahrnehmung. Einer ihrer stärksten Verfechter ist Dan Kahan von der Yale University.

Doch in den USA gibt es auch viele Menschen, die die Klimakrise nicht als Hoax abtun wie ihre Regierung. Tatsächlich stellen sie – außer bei den konservativen Republikanern – in jeder politischen Schicht die Mehrheit. Manche US-Wissenschaftler sind darum der Meinung, sie müssten ihren Landsleuten nur erklären, dass sich die Klimaforschung durchaus einig weiß, dass der Klimawandel menschengemacht und gefährlich ist, dann würde sich auch in der Politik etwas ändern. „Consensus Messaging“ heißt diese Idee, die Kommunikation des wissenschaftlichen Konsens. Auch dazu findet sich in dem Nature Climate Change-Sonderheft eine Studie. Die Autoren um Baobao Zhang und Anthony Leiserowitz ebenfalls von der Yale University haben 6300 Amerikaner befragt und gemessen, ob sich deren Glauben an den wissenschaftlichen Klimakonsens durch zielgerichtete Information verbessern lasse.

Die Ergebnisse waren spannend: Gerade in den Staaten, wo die Klimawandelleugner bisher den größten Rückhalt hatten, gab es den größten Effekt. In West Virgina, North Dakota und Wyoming ging die Zustimmungsrate von weniger als 65 auf mehr als 85 Prozent nach oben. In Kalifornien und Washington DC lag der Sprung hingegen nur knapp über zehn Prozentpunkten. Ingesamt führte die Intervention also zu einer Angleichung der Staaten.

Man sollte die Hoffnung auf die Amerikaner daher nicht aufgeben, auch wenn Präsident Trump und der Chef der Umweltbehörde Scott Pruitt gerade alles tun, was sie können, um die Umwelt- und Klimagesetze ihres Landes zu schleifen und industriefreundlich zu gestalten. Selbst die Autokonzerne erschrecken dabei zurzeit, wie radikal die Regierung zum Beispiel die Standards zum Kraftstoffverbrauch senken will.

Bis nächste Woche, Grüße aus Hamburg, Ihr Christopher Schrader