KlimaSocialPlus vom 29. April 2018

(Warum Wetterberichte eine soziale Sache sind; Gedanken über Fahrräder, Autos und Kultur)

 

 

 

 

Hintergrundbild: Ignitia

Moin aus Hamburg, liebe Leser,

unsere Koralle nimmt morgen früh, also am Montag, ihren regelmäßigen Dienst auf. Davon kann man ja frühestens beim zweiten Beitrag sprechen, der in einem erkennbaren Turnus auf den ersten folgt. Dieser Turnus soll bei uns eine Woche sein – in Zukunft möchten wir jeden Dienstag einen Artikel veröffentlichen, der auf die eine oder andere Weise die sozialen Prozesse rund um Klimawandel, Klimaforschung und Klimapolitik zum Thema hat. (Dass übrigens die ersten beiden Artikel an einem Montag herauskommen oder -kamen, hat im Wesentlichen damit zu tun, dass Dienstag, der 1. Mai ein Feiertag ist. Von solchen „Störungen“ sind wir nun bis zum ersten Weihnachtstag frei.)

Das Schöne an unserem Über-Thema ist die Vielfalt der Blickwinkel und Zugänge. Wie schon die britischen Komiker von Monty Python sagten: „And now for something completely different.“ Nach dem Bericht über die seelische Gesundheit behandelt der Beitrag morgen die schwierige Wettervorhersage im tropischen Westafrika. Dort versucht eine schwedische Firma, den Bauern per SMS genauere Informationen zu liefern, wann es regnet. Mein Kollege Alexander Mäder, der den Artikel unter dem Titel „Das Gewitter kann kommen“ recherchiert und geschrieben hat, erzählt dies über die Genese:

»Das Beeindruckendste auf dem Klimagipfel in Bonn vor einem halben Jahr war das Engagement der Zivilgesellschaft. Für die vielen Organisationen und Firmen gab es getrennt von den politischen Delegierten eine eigene Zeltstadt als Konferenzort. Dort brummte das Leben: überall Infostände und Diskussionsrunden.

Bei einer solchen Runde am Pavillon der nordischen Staaten habe ich das schwedische Unternehmen Ignitia kennengelernt. Sie wollen das Leben afrikanischer Bauern verbessern, indem sie ihnen für wenige Cent zuverlässige Wettervorhersagen aufs Handy schicken. Dadurch sollen die Farmer mehr aus ihren Äckern herausholen können.

Als ich mich nach Belegen für die Zuverlässigkeit der Prognosen erkundigte, vertröstete mich der Pressesprecher auf eine unabhängige Studie, die für 2018 erwartet werde. Das war sehr optimistisch gedacht: Es wird wohl eher 2019, gründliche Forschung braucht Zeit. Doch Ignitia ist schon auf dem Markt und will expandieren – Grund genug für mich, diese Geschichte schon heute zu erzählen.«

Alexander hätte den Artikel auch technisch und wissenschaftlich anlegen können – was genau ist das meteorologische Problem in Westafrika und wie kann man es lösen? Aber er hat sich dafür entschieden, die Menschen in den Mittelpunkt zu rücken. Die Bauern, die für den Dienst bezahlen, weil er ihnen nützt und das Risiko reduziert, und die Leute von der Firma Ignitia, die mit ihren Kenntnissen die Welt ein bisschen besser machen wollen.

Mit dem Klimawandel hat das Ganze natürlich auch zu tun: Soweit die regionalen Berechnungen für Westafrika bisher reichen, werden dort Wetterextreme eher zunehmen. Dann sind die Bauern umso mehr auf genaue Prognosen angewiesen. Das wiederum nutzt dem Klima: Wenn sie nicht aus purer Not immer neue Flächen roden und bebauen müssen, kann die intakte Natur mehr vom Treibhausgas Kohlendioxid binden. Der Text verdeutlicht außerdem: Die Probleme von Klimawandel und Armut lassen sich nur zusammen lösen oder gar nicht.

Eine letzte Bemerkung: Alexanders Artikel ist ein Beispiel dafür, dass wir auch auf der Suche nach „guten Nachrichten“ sind, also über Lösungen genauso berichten wie über Probleme.

 

Mich bewegt in diesen Tagen das Wort „Kulturkampf“ im Zusammenhang mit den vielen Autos. Vor ein paar Tagen kam mir hier in Hamburg-Ottensen, wo ich wohne, eine kleine Schar von Demonstranten entgegen, die die Autoflut in diesem Viertel zurückdrängen wollte. Vorn und hinten Polizei, ein Einsatzfahrzeug mit Blaulicht stand quer in der Kreuzung vor der Straße, wo die vielleicht 80 Demonstranten – Erwachsene und Kinder mit Fahrrädern, Bollerwagen, Transparenten und einem Megafon – gerade entlang gingen.

Der Fahrer eines VW-Bus aber schien diesen unerträglichen Eingriff in seine automobile Freiheit nicht hinnehmen zu wollen – er fuhr über den Bürgersteig hinten an dem Polizeifahrzeug vorbei in die gesperrte Straße ein, wo vielleicht 20 Meter weiter die Demonstranten waren. Oder jedenfalls versuchte er es, bis ein Polizist ihn mit einem lauten Hieb mit der flachen Hand aufs heilige Blech stoppte.

Und dann erinnerte ich mich an einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung.Meine Kollegen Michael Bauchmüller und Jens Schneider schrieben dort über das Fahrrad-Fahren in Berlin (Druck-Ausgabe vom Samstag, dem 21. April; unter diesem Link für Abonnenten oder gegen Bezahlung). Beide kommen morgens über große Strecken ins Büro an der Französischen Straße geradelt, sie wissen also, wovon sie reden. Sie zitierten die parteilose Verkehrssenatorin Regine Günther, die vom WWF kommt, mit der Zusicherung im Abgeordnetenhaus, sie wolle trotz allem Engagement für die Fahrradfahrer „keinen Kulturkampf gegen das Auto“ beginnen. Dazu fühlte sie sich wohl verpflichtet, in Deutschland wird ja schnell abgestempelt, wer etwas gegen den übermäßigen Fleischkonsum oder den maßlosen Autoverkehr sagt.

Ich finde aber, Autofahren an sich ist überhaupt keine Kultur. Wer es nötig hat, das Benutzen von vierrädrigen Blechkisten derart zu überhöhen, sollte mal Luft holen und seine eigenen Argumente überdenken. Autos sind in vielen Situationen praktisch, in manchen vielleicht auch (noch) unverzichtbar. Aber sicherlich nicht mitten in Metropolen wie Berlin und Hamburg. Dort sind sie eine Qual für alle Beteiligten, die Autofahrer meist eingeschlossen. Hier in Ottensen, wo es viele Einbahnstraßen gibt, werden oft zwei Drittel des Straßenraums für abgestellte Autos reserviert und von ihnen voll genutzt, und dann kommt der endlose Parksuchverkehr noch dazu: Die schleichenden Karossen behindern so die Fahrradfahrer. Außerdem sind in Berlin und anderswo viele Straßen für Radfahrer wirklich gefährlich. Aber wer sich gegen solche Auswüchse wehrt, muss sich mit der Vokabel „Kulturkampf“ herumschlagen? So als plane er den Untergang des Abendlandes? Also bitte!

Ich habe aber inzwischen genug über die sozialen Prozesse rund um den Klimawandel gelernt, um zu wissen, dass es mit einem solchen Statement nicht getan ist. Reißt Euch mal zusammen, denkt mal nach, wer will sich das schon sagen lassen? Darum versuchen wir es doch so: Wenn für die Autofahrer in der Innenstadt das eigene Gefährt zum Teil der Identität und damit der persönlichen Kultur geworden ist, muss man etwas Konstruktives dagegen setzen. Man muss und kann ihnen zeigen, dass mit dem Fahrrad Vorteile und Spaß verbunden sind, dass man auf sich selbst stolz sein und im Freundes- oder Kollegenkreis gut dastehen kann, dass die Stadt ihnen nichts wegnimmt, sondern etwas gibt, wenn der Verkehrsraum zugunsten der Zweiräder neu verteilt wird. Nach dem Motto: Tiefer hängen und einfach machen.

 

Meine Kollegen und ich möchten mit diesen Newslettern übrigens gern eine Diskussion beginnen, wir betrachten den Kontakt mit Ihnen als Lesern als Zweibahn-Straße. Wenn Sie also Hinweise haben oder Fragen, Recherchetipps oder Interesse an irgendwelchen Themen, die in unser Spektrum fallen könnten, dann schreiben Sie uns bitte unter info@klimasocial.de (dort können Sie diesen Newsletter auch abonnieren, er kommt dann Montags am nachmittag). Lob und Kritik nehmen wir auch gern. Ersteres hören wir natürlich lieber, aber von zweiterem lernen wir vielleicht mehr.

Bis nächste Woche, Grüße aus Hamburg, Christopher Schrader